Dieses intelligente T-Shirt ist 100 Prozent Swiss made

16 July 2018

Die Jungfirma Vexatec hat in nur drei Jahren ein massentaugliches Hightech-Produkt entwickelt – mit prominenten Markenbotschaftern.

von Markus Städeli // NZZ am Sonntag

Was haben der Tennisspieler Tommy Haas, Fussballtrainer Torsten Frings, Nascar-Rennfahrer Gianmarco Ercoli oder der NHL-Eishockeyspieler Leon Draisaitl gemeinsam?




Sie alle liessen sich als Markenbotschafter für eine Firma einspannen, die es bis vor drei Jahren gar noch nicht gab: Vexatec aus Cham. Deren intelligentes T-Shirt hat bemerkenswerte Eigenschaften: Die in den leitfähigen Stoff integrierten Sensoren führen bis zu 50 Echtzeit-Messungen pro Sekunde durch, und das alles sehr präzise.

Neue Möglichkeiten für Sportler

Erhoben werden unter anderem: EKG, Puls, Kalorienverbrauch, Geschwindigkeit, Distanz, Beschleunigung, g-Kraft, Rotation, Körperhaltung, Anzahl Schritte und die Geo-Position. Dabei kommen grosse Datenmengen zusammen, die nicht nur erfasst und gespeichert, sondern auch in Echtzeit übertragen und analysiert werden können.

Das ermöglicht Spitzen-, aber auch Breitensportlern ganz neue Möglichkeiten zur Analyse ihrer Bewegungsabläufe, aber auch der Trainingsbelastung: «Ein Sportler in der Schweiz kann seine Daten über eine Cloud in Echtzeit seinem Trainer zur Verfügung stellen, der vielleicht in Australien sitzt», erklärt Urs Ruggaber, der operative Chef der Firma.

«Wir haben einfach daran geglaubt, dass es möglich ist, solche intelligenten Kleidungsstücke zu machen. Dann kam die Frage nach der Technologie.»

Man könne sich seine Trainingsdaten aber auch einfach in einer App auf seinem Smartphone oder einer Uhr anzeigen lassen. Die Trainingsdaten lassen sich auf Desktopgeräten über einen langen Zeitraum archivieren und auswerten.

Fast noch bemerkenswerter als das Produkt, ist allerdings dessen Entstehungsgeschichte. Es ist die eines Unternehmers, der eine Vision hatte und sich das nötige Know-how einkaufte.

«Wir haben einfach daran geglaubt, dass es möglich ist, solche intelligenten Kleidungsstücke zu machen. Dann sind wir auf die Suche nach verfügbaren Technologien gegangen», sagt Salvatore Gandolfo, VR-Präsident und Hauptaktionär.

Der erfahrene Unternehmer ist zwar in der Schweiz aufgewachsen, lebt aber seit 1999 mit seiner Familie in Monaco. «Offiziell als Firma haben wir erst 2015 angefangen.» Es sei erstaunlich, wie schnell man zusammen mit den Technologiepartnern ein einzigartiges, marktreifes Hightech-Produkt habe entwickeln können, das 100% Swiss made sei.

«Unser Produkt ist fixfertig inklusive Verpackung und Gebrauchsanleitung», sagt Ruggaber. Die Apps seien im App-Store von Apple und in Google Play hinterlegt und müssten nur noch freigeschaltet werden. «Wir können also jederzeit lancieren.»

Das Produktions-Know-how für T-Shirts mit leitfähigen Materialien und textilen Sensorflächen stammt dabei vom St. Galler Unternehmen Forster Rohner. Vexatec hat gegenwärtig vier Farben, jeweils in einer Langam-, Kurzarm- und Armlos-Version im Angebot.

Bei den Partnern des Startups zeigt man sich beeindruckt von dessen Zielstrebigkeit, von der sich andere Jungfirmen eine Scheibe abschneiden können: «Vexatec kommt mir vor wie eine Firma aus dem Silicon Valley. Sie schlägt ein unglaubliches hohes Tempo an», sagt Bernd Maisenhölder, Leiter Marketing von Iftest. Die Firma aus Wettingen (AG) ist spezialisiert auf Elektronik für Industrie und Medizintechnik.

Sie produziert die Datenlogger für Vexatec. Dieses orange Kästchen ist im «Agility-Shirt» direkt unter dem Brustkorb angebracht und lässt sich einfach herausdrehen – im Gegensatz zum T-Shirt selbst darf es nicht in der Waschmaschine landen.

Die in ihm enthaltene Technologie, die erlaubt, Körperfunktionen sehr exakt zu messen und zu berechnen, stammt von CSEM, einem Forschungszentrum in Neuenburg, das den Technologietransfer zu den Schweizer Firmen sicherstellen soll.

«Vexatec ist vor zwei Jahren auf uns zugekommen», sagt CSEM-Bereichsleiter Jens Krauss. «Wir haben schnell gemerkt, dass der Firma die Kenntnis der Basistechnologie fehlt, dass sie aber sehr viel Kompetenz hat im Projektmanagement und im Marketing. So konnte sie innert kürzester Zeit ein fixfertiges Produkt entwickeln.»

Der ultimative Prüfstein steht natürlich noch bevor: Die Produkte-Lancierung. Diese kann oder will die Firma nicht allein stemmen. «Wir befinden uns derzeit in Verhandlungen mit Investoren und grossen Sportartikelherstellern in Europa und Übersee», sagt Gandolfo. «Wir sind offen, für alle Optionen: Von einer finanziellen Beteiligung bis zum Verkauf der ganzen Firma.» Deshalb hat Vexatec auch den Detailhandelspreis ihres Produktes noch nicht festgelegt.

Derweil tüftelt das Startup an weiteren Funktionen und Produkten herum - selbst im besonders anspruchsvollen Medizinbereich. «Es gibt eine grosse Vielzahl von weiteren Anwendungsmöglichkeiten ausserhalb des Sportes für unser Produkt. Wir führen zum Beispiel Diskussionen über einen Einsatz bei Polizei und Feuerwehr», sagt Ruggaber.